Teil 1
Von der verblassenden Wut
…. hin zur Trauigkeit. Meister Li meinte neulich, die Milz sei Ursache für Traurigkeit. Also, die Fehlfunktion, nehme ich an. Wir reden nur zwischen Tür und Angel, er gibt seine Ansichten nach Beobachtungen ab. Er ist Mediziner der Traditionellen Chinesischen Medizin.
Als ich soeben das Wasser aufkochen ließ, und nebenher in der Küche etwas aufräumte, wurde mir klar, dass es heute wieder Zeit geworden sein würde, zu schreiben. Ich hatte eine wochenlange Pause eingelegt, und hatte vorgestern mein Familienuniversum bearbeitet – heute also meine persönliche Arbeit hier. Es waren verschiedene Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, und ich weiß auch gar keine Einzelheiten mehr. Nur das Wart und das damit verbundene Gefühl der Schwermut blieb haften. Schwermut. Und das zu einer Zeit, in der Nachrichten über getötete Menschen an mir vorbeigleiten, als hätte ich Wasser über eingeölte Haut geschüttet. Nun ja, es sind so Tage zurzeit, da ich scheinbar – nach Wochen der emotionalen Schwerstarbeit – Gefühle unterdrücken muss, um weiter existieren zu können. Und wer schon mal langfristig Gefühle unterdrückt hatte, weiß vielleicht, das hat mit existieren nur insofern zu tun, als das man dahin vegetiert – gewissermaßen.
Ja, Gefühle unterdrücken, um zu existieren. Denke ich zurück an den Tag beim Kardiologen neulich, als ich zum wiederholten Mal die Geschichte meiner Namensänderung erwähnte, und auf jemanden traf, die nicht mitdenken wollte, fauchte ich sie derart an, dass selbst ich überrascht war. Es ging glimpflich aus. Frauen gegenüber so aufzutreten, heißt meist, daraufhin Verständnis retourniert zu bekommen. Das ist schon ein riesiger Vorteil, allerdings wohl auch nur dann, wenn die Karten offen auf dem Tisch liegen. Danke vielmals.
Schwermut. Wenn Wut sich also aufmacht, und versiegt, und an anderer Stelle als Quelle der Traurigkeit wieder empor quillt. Ist das so? Würdest du das unterschreiben? Ich bin nicht so ganz sicher, mit solchen Posttraumatischen Belastungsstörungen habe ich im Grunde wenig Erfahrung, wenngleich dies die dritte ist. Also habe ich relativ viel Erfahrung damit. Okay.
Jedenfalls wurde mir dann klar, als ich mich Südwest-orientiert, wie von der Autorin des traditionell ausgerichteten Feng-Shui-Buches empfohlen, hinsetzte, und schreiben wollte, dass es nicht ausreicht, nach dieser Pause, Buch II heute zu vervollständigen, da mittlerweile zu viel passiert war. Auch das Thema wäre verfehlt. Deshalb: Buch 3. Herzlich Willkommen.
Lustig ist allerdings, dass seit diesem Jahr, seit dem Bewusstsein über diese toxisch geführte Beziehung zu mir durch meinen Adoptivvater, Analogien auftauchen, im Alltag, die das Verständnis eben über die aktuelle Situation erleichtern und direkt zugänglich machen. War es also zunächst die Beziehung zwischen Europa und den USA, ist es seit gestern der ziemlich verstopfte Abfluss des Waschbeckens in meiner Küche. Das bringt mich nun wirklich zum Schmunzeln. Die Parallelen sind verblüffend, und die Lösungsansätze wirklich vergleichbar. Das macht es ja so lustig. Aber vielleicht muss man es erleben, um es zu verstehen. Ich weiß es nicht genau.
Jedenfalls hatte ich heute einen weiteren Termin – mit verändertem Hintergedanken allerdings – bei meiner aktuellen Psychologin verabredet. Und prompt reagierte mein Unterbewusstsein mit einer milden Angstattacke. Gut. Vorletzte Woche, nach dem ich ihre Praxis verließ, hatte ich mit einer schwerwiegenden Angstattacke zu leben. Das war was. Doch ich hielt und halte am Termin fest. Warum? Fragte ich mich auch. Ganz einfach, das Problem des „Was-genau-will-ich-eigentlich?“ abzugehen im Sinne von Aufarbeitung durch bewusste Veränderung, und nicht durch Vermeidung und Komplettverweigerung. Jedenfalls halte ich es für sinnvoll, die therapeutische Beziehung anzupassen. Nicht mehr zurück in der Zeit zu gehen, und schauen und erzählen, was los war, sondern eben aktuelle und akute Probleme angehen, (davon gibt es genug), und darüber sprechen. Das klingt nach einer Strategie, mit der ich dann auch ganzheitlich leben kann. Getestet hatte ich die Frau ja jetzt genug. Meine Güte.
Eine etwas bittere Erkenntnis kam dadurch allerdings zum Vorschein: Das Thema Traumatisierung ist abgeschlossen. Zumindest das erste schwere Trauma, die sadistisch sexuellen Übergriffe auf mich sind versiegelt. Ich hatte ein, zwei Momente der Trauer und Traurigkeit, und Wehmut nach, was wäre wenn das nicht passiert wäre, doch es ist Geschichte. Punkt.
Schweres Trauma zwei: Die toxische Beziehung…. ? Tja, was soll ich sagen? Ein Kranker, der Menschen manipuliert, und ich als hochgradig sensibler Junge und mittlerweile Mann, reagierte mit aller Konsequenz und brach nicht, aber veränderte mein Wesen. Was kann man dagegen tun? Nichts. Zumindest nicht viel. So ist das Leben. Doch den Namen will ich nicht mehr tragen. Punkt.
Schweres Trauma drei: Zwangsweises verabreichen von zwei Mal 10 Milligramm Beruhigungsmittel, überflüssigerweise, und erstmalige Fixierung an ein Bett über neun Stunden. Das. Ist. Nicht. Vorbei. Danke. Doch was kann ich dagegen tun? Allein? Allein, nicht viel. Andere, Gehilfen sozusagen, müssen ihre Dienste vollziehen, in Form von Unterstützung über Lösungswege und zu erfahrende Wiedergutmachungen, Juristinnen und Juristen möglicherweise. Das ist die Krux in einem Rechtsstaat. Man wird verdammt zum Unterdrücken von Gefühlen, und zum Strategisieren. Das kann Spaß machen, wenn man darin geübt ist, doch es kann schnell ausarten. Man ja mit Wahnsinnigen zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes. Den Gründungsvätern – wenn auch nur indirekt – der Rechtsstaatlichkeit, in Verbindung mit Bürokratie.